Dont believe the hype.

Fast hätten Slime noch ihren Gig gespielt, aber mit Auswurf ist nicht zu spaßen. Einsichtig wurde dicht gemacht. Der Virologe hatte emp-, der Staat befohlen und dann reden alle nur noch über das Virus. Von morgens bis abends. Alle mahnen, schätzen ein, wissen, bewerten, fragen sich oder auch nicht, sagen, was sie leider zu sagen haben. Bilder werden entworfen und verbreitet, Bilder sind immer stärker als Worte und es sind dramatische. Die Algorithmen verteilen diesen information overload unkontrolliert. Auf jede Welle wird mit weiteren Mahnungen, Einschätzungen, Bewertungen und Bildern reagiert, es ist eine eskalierende Informationsspirale und niemand kann sich dem so leicht entziehen. An zahllosen Orten zücken zahllose Menschen ihre zahllosen Handys und filmen und fotografieren von Wuhan bis Salzgitter die tiefsten Einblicke in alle möglichen Zustände. Journalisten, echte, oder von irgendeinem Sender zu einem solchen kurzerhand erklärt, verdienen sogar ihr Brot mit diesem Weltgeschehen. Die Rezeption der Pandemie ist so pandemisch wie das Virus selbst. Die Infos werden nicht irgendwo für Interessierte bereitgestellt, so war das noch beim Türklinken-Sars vor zehn Jahren, sondern wir kriegen sie permanent in unsere Zeitungen und Fenrsehsendungen, auf unsere Monitore und Handys geschickt, so dass wir uns nicht entziehen können. Es ist Verführung und Fluch und wir alle reden und schreiben darüber, ja, auch ich, wir alle sind uns selbst gegenüber die größten Experten. Wir studieren Infektiosität und Letalität, diskutieren Durchseuchungsstrategien oder Krankenhauskapazitäten, beurteilen Übertragungswege und Atemschutzmasken, ungeachtet dessen, dass wir eigentlich gar keine Ahnung haben, denn wir bemerken nur, dass irgendwelche Zahlen steigen und es ist vollkommen egal was für Zahlen das sind, Einordnungen sind weder möglich noch nötig. Jeder sortiert die passenden Informationen einfach irgendwie in sein persönliches Meinungsraster ein, vernachlässigt die anderen. Gangbang im Prokrustesbett. Wir befinden uns in Bestätigungsschleifen. Und wichtiger noch als die Bestätigung der eigenen Meinung ist aber die Bestätigung, dass die andere Seite völlig bescheuert ist. In pseudo-überlegenen Kommentaren wollen die Sophisten ihre Überlegenheit demonstrieren. Was für ein amüsanter Rausch. Cambridge analytica nutzt Polarisierung als Futter für profitablen Hass. Die Pandemie indessen hat sich längst einer Beurteilung entzogen, um sie geht es nicht mehr, wir zelebrieren Verurteilung. Wenn das nicht Foucaults Wille zur Wahrheit ist, der die Wahrheit verdeckt.

Dahinter steht auch, profan, die Angst. Sie ist der Motor all dessen. Die Unruhe und das Herumverurteile ist eine Art sich des Schreckens zu entledigen. Es ist dem Leiden an einer Krankheit so entgegengesetzt, dass es hilflos kompensatorisch wirkt. Und es ist so entsetzlich unsouverän. Was ist passiert? Ist es der Geist der Lebensmittelampeln, Fitness-Studios, health-apps und Fahrradhelme, der uns korrumpiert? Soll das vernünftig sein? Gehen wir nochmal zurück ins SO36: Den langen, dunklen Flur entlang, beginnt ein Ort der Selbstzerstörung. Ein Ort, an dem immer klar war, dass das Leben mehr zum Untergang gehört als vice versa. An dem diese Selbstzerstörung Geburt sein konnte. An dem Haltlosigkeit gesucht wurde. An dem Angst nichts zu suchen hatte, kein Motiv hatte, keine Idee war, die irgendwie verfangen konnte. Keine Frage, auch ein Ort der schmerzhaften Erinnerungen, der harten Erfahrungen, der weitreichenden Folgen. Es ging immer um Souveränität, auch im Schmerz. Sie ist der Vernunft gewichen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden, die Sache mit der Vernunft. Aber warum so verlogen? Armer Teufel, der Heroin inspirierend fand oder sich ein halbes Leben lang bewusstlos gesoffen hat, nun näht er fleißig Mundschutze? Soll er. Aber auch die Klappe halten, für die er näht. Früher hat er alles geraucht, was man irgendwie anzünden konnte, macht sich jetzt Sorgen um die Lungenfunktion, aber wegen Corona, nicht wegen Krebs. Ach, andere haben sich jahrelang ohne Gummi durch die halbe Stadt gefickt und stehen jetzt eher auf distancing. Wütet die Corona-Seuche so haltlos über die Erde, dass jetzt auch die Letzten letzte Register ziehen? Oder stehen wir etwa unter dem Einfluss einer Verzerrung, die wir selbst verursachen? Das Edward Cullen an der spanischen Grippe gestorben wäre, wenn Carlisle ihn nicht rechtzeitig gebissen hätte – das hatte mir meine Tochter einmal erzählt. Von der seit dreißig Jahren tödlichsten Grippewelle 2017/18 hatte ich dagegen überhaupt nichts mitbekommen. Dunkel erinnere ich mich an SARS 1. Schweinegrippe, ja, stimmt, da war mal was. Aids, die „Schwulenseuche“ – die Vorurteile den Erkrankten gegenüber hatte ich immer als brutal empfunden. Heftig muss 1968 bis 1970 auch die Hongkong-Grippe gewesen sein, die weltweit eine Million Todesopfer gefordert hatte. Es ist tatsächlich, wie Susan Sontag es formulierte: Mit Geburt erwerben wir alle eine zweite Staatsbürgerschaft im Reich der Kranken. Oder, um es mit den Worten der Tödlichen Doris auf die Schippe zu nehmen: „Der Tod ist ein Skandal“. Wir wollen uns dagegen wappnen, aber wir sollten auch eine Sicht auf die Dinge bemühen, die um das Verständnis der Komplexität einer solchen Angelegenheit ringt. Noch verstehen wir doch nicht allzu viel. So wissen wir etwa nicht, ob der lockdown mehr Schaden anrichtet als er verhindert. Wir wissen nicht, ob unsere Solidarität mit den Alten und Schwachen nicht der Solidarität mit all den Existenzen, die gerade den Bach heruntergehen, entgegen steht. Wir wissen nicht, ob wir den Hashtag Coronaferien mit dem Hashtag Zwangsschließung tauschen sollten. So kommen wir der Sache auf die Spur: Was wissen wir denn eigentlich? Aus den Universitätskliniken und von vielen Fachleuten hört man – Widersprüchliches. Die echten loser sind die Medien, die alle das gleiche herunterbeten. Zahlen, die besagen, dass … werden ständig aktualisiert. Ein Bild, welches zeigt, wie … wird gezeichnet. Szenarien werden entworfen, die mit Sicherheit eintreten, wenn … Sie schämen sich nicht. Wogegen aber von etlichen Akteuren, denen man ein fachliche Nähe zum Gegenstand einräumen würde, eigentlich immer nur hört: Könnte sein, könnte aber auch nicht sein. Nichts genaues weiß man nicht. Isso. Vielleicht. Oder auch nicht. Wer weiß. Das ist viel Lärm um x.

Fugazi, the cure, 1989:

i never thought too hard on dying before
i never thought on the dying
i never ever had the dying before
and now i’m feeling the dying

and you’ve got to give me the shot
give me the pill
give me the cure
now what you’ve done to my world

Vielleicht bin ich bereit, alle möglichen Erwägungen anzuhören, sämtliche Maßnahmen zu diskutieren und mir dabei sorgfältig die Hände zu waschen. Wer weiß. Niemand will, dass Leute sterben. Aber mit rigorosem Moralismus und allwissender Überheblichkeit, mit dieser ganzen Empörung und der zeternden Grabesstille, mit unerhörten Einschränkungen der Grundrechte und einer fast einhelligen Medienlandschaft: Eine Politik, die sich nicht an einen grundsätzlich mündigen Bürger wendet, kann ich sowieso nicht akzeptieren. Fuck off grüne Weltsicht der Dinge: Die Leute wären zu doof, sperrt sie ein, es ist nur zu ihrem Besten. Was bildet ihr Euch eigentlich ein!

Wie die Schwere der Erkrankung auf dem Zauberberg über den gesellschaftlichen Stand im Sanatorium zu entscheiden hat, so hat auch Pathos und Strenge der Warnung vor Corona über den Grad der Kenntnisnahme zu entscheiden. Aber es ist eine in nuce antiintellektuelle Regung, eine Krankheit zum Feind zu erklären und nicht einfach als Krankheit zu behandeln. In einigen Monaten wird das Scherengitter des SO36 wieder aufgeschoben.

„Dein Vorname?“

„Hä?“

„Wie heißt Du? Ich muss das auf den Becher schreiben. Wolltest du Vanilla Latte mit Hafermilch?“