kaum zeitung

Der Tisch an dem ich sitze ist älter als die Zeitung von gestern. Es ist doch so: Viele Betrachtungen und Einschätzungen in den täglichen Erscheinungen – nicht in denen, die ich unfreiwillig habe, sondern in jenen, die ich am Kiosk kaufe – sind keineswegs schnell überholt und im Grunde belanglos. Da steht mitunter viel Interessantes drin. Allein neben meinem Bett befindet sich ein hoher Stapel an noch ungelesenen oder bisher nur überflogenen Zeitungsseiten mit Artikeln, die sich allesamt als informativ, relevant, kurzweilig und in jedem Fall aufschlussreich erweisen werden. Sei es ein Bericht über den amerikanischen Vizepräsidenten, eine kritische Betrachtung von Mord prophezeienden Algorithmen oder feierliche Worte zum Jubiläum der ersten Mondlandung – es gibt keinen Grund, sich diesen Themen nicht zu widmen (und bei nächster Gelegenheit werde ich das auch tun).

Bloß –

die Gelegenheit bleibt das Problem. Ich habe sie kaum mehr. Ich habe viel zu tun. Ich finde wenig Ruhe, erst recht keine Muße. Zudem, eine ganze Flut von Angeboten und Informationen prasselt auf mich ein, mahnend, fordend. Zeitungen flankiert von Magazinen, Büchern, Weblogs, all dies Infotainment, News, Zeitvertreib, Werbung, Filmchen, Schnippselchen von Irgendwas, was meine Aufmerksamkeit aggressiv einfordert, Clips und Shots und Snaps und Schnicks und Schnacks, die ich unbedingt sehen muss oder soll oder kann, Nachrichten, irrelevante, sogenannte, und Kenntnisse, nutzlose, spezifische, überwältigen mich. Und in einem Tonfall! Da hätte man eigentlich fast lieber keine Zeitung, sondern einfach seine Ruhe. Und so werden die Zeitungsseiten an meinem Bett zur raschelnden Belastung; bedrückend bedruckt, sorgsam gefaltet (nicht gebügelt).

Mir bleibt nichts anderes übrig, als aus diesen Seiten Papierflieger zu falten und sie aus dem Fenster zu werfen. Aber noch während die Seite dahinsegelt, entziffere ich im Wegfliegen eine interessante Überschrift. Hätte ich doch genauer hingeschaut! Welche Information habe ich wohl verpasst? Welche Botschaft fliegt mir davon? Ich hätte es doch eigentlich so gern gelesen! Ach, ich hätte doch so gern ein Leben, in dem ich Zeitung lesen könnte. Nur weil kein Platz mehr auf meiner Uhr und in meinem Kopf, verpasse ich, was mich etwas angeht. Wenn ich meinen eigenen Zeit- und Konzentrationsmangel, denn das ist ja das eigentliche Problem – weil ich ständig abschweife, unfähig mich zu konzentrieren, büchsen mir die galoppierenden Gedanken aus, wie etwa zuckende Mücken in der Dämmerung, ein Hü und ein Hott, ist mein wie schwachsinnig zersetztes Gehirn schon nicht mehr in der Lage für einen schmalen Artikel beisammen zu bleiben, hat es verlernt, wie eine Hirn-Dämmerung mit kleinen, aufmerksamkeitssaugenden Gedanken und Einwürfen, Fragen, die nicht gefragt werden müssten sowie Antworten auf Fragen, die nicht gestellt wurden, Ideen, die immer wieder zustechen und juckende Stellen hinterlassen und am Schluss weiß ich nicht mehr, wo der Anfang, wo ich und die Seite war, die sich, aus diesem Zeit- oder Konzentrationsmangel, nicht, beziehungsweise die Zeitungsseite nicht, sich das, wie sich das, alles zugetragen hat. Oder doch nicht, aber genau andersherum. Dann ist alles durcheinander und verloren. Nichts ergibt noch einen Sinn.

Der Artikel fliegt also weg und kann nichts dafür. Ich kann auch nichts dafür. Und ich verpasse all die brillanten Gedanken in den Zeitungen, die dort versteckt sind. Denn das ist in nuce das Problem: Man weiß nie, was sich lohnt zu lesen schon zuvor! Die guten Artikel sind immer so außerordentlich gut versteckt, warum auch immer. Ists eine challenge? Dass es eine ganze Schar an Journalisten gibt, die eigens dazu angestellt sind, minderwertige Artikel zu schreiben um den wertvollen Artikel schwer auffindbar zu machen? Journalisten, die so tun, als könnten sie gar nicht Schreiben, als könnten sie lediglich Wörter aneinanderreihen. Journalisten, die reißerische Pamphlete verfassen, dass einem schwarz vor Augen wird, aber was sie befürworten oder verreißen scheinbar nicht verstehen. Die absichtlich nicht berichten, nicht recherchieren, nicht zusammenfassen oder vermitteln – es muss ja unglaublich schwierig sein, so zu schreiben, als würde man kein Sprachgefühl besitzen, nur Ahnungen von Vermutungen. Als hätte man allein von den Begriffen keinen Begriff und nur ein ungeheurliches Maß an Meinung. Man möchte fast meinen, man könne sie sehen, wie sie eifrig vor ihren verklebten Tastaturen hocken, wie sie mit dem Scharfsinn eines Grundschülers dem Irrsinn aufsitzen Journalismus zu betreiben und im tiefsten Inneren spüren, dass ihre Wörter leer sind. Wie es sie insgeheim quält, dass ihre Idiotie ihnen im Weg steht, sich ihnen in den Weg stellt. Und irgendwo dazwischen, tief in diesem geistigen Schlamm, steckt der eine Artikel, der nicht aus dem Fenster schweben soll. Versteckt in einer der über dreihundert Zeitungen, die tagtäglich in Deutschland erscheinen. So bleibt mir nichts anderes, als all die Zeitungen durchzublättern, Seite für Seite, grob die Titel zu überfliegen und fleißig auszusortieren, was mich interessieren könnte. Und all die so gesammelten Seiten auf jenen vorwurfsvollen Stapel zu legen. Jenen Stapel an meinem Bett, neben dem Stapel Bücher, die nicht mehr zum Zuge kommen (ungeduldig, anklagend haben auch sie sich aufgetürmt). Ich scheue mich langsam, mein Schlafzimmer überhaupt zu betreten. Schließlich werde ich meinen Laptop aufklappen und für all die scheinbar oder anscheinend interessanten Blogs noch Lesezeichen anlegen. Damit ich schlussendlich gar nicht mehr zum Lesen komme, sondern das Lesen nur noch plane. So wie man to-do-Listen anlegt, um nichts to do. Ich hoffe nur, dass ich mich diesem Desaster eines Tages entziehen kann, dass ich eines Tages in jenem offenen Fenster sitze, in einem Schaukelstuhl, die Seiten studierend, anstatt sie aus dem Fenster zu werfen, bevor meine Aufmerksamkeit für immer dahin ist, bevor sie schon am Ende eines schlanken Hauptsatzes zu mir sagt: Sorry, tldr. Das hoffe ich inständig.

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