Wie viel Raum braucht Kunst?

Die besondere historische Situation Berlins bot jahrelang einmalige Arbeits- und Lebensbedingungen für Künstler*innen: Jahrzehntelang wurde die Stadt als Paradies der Boheme gefeiert, als Metropole der Kreativität. Mehr und mehr aber sind die Akteur*innen der Berliner Kunstszene von den jüngeren Prozessen der Verdrängung bedroht. Wie viel Raum braucht Kunst? Darüber diskutieren Wibke Behrens (Kulturpolitische Gesellschaft, Sprecherin Berlin+Brandenburg – und Gründungsmitglied Berliner Initiativkreis für Orte künstlerischer Arbeit), Klaus Lederer (Kultursenator Berlin/Die Linke) und Heidi Sill (bildende Künstlerin/Sprecherin bbk berlin) unter der Moderation von Robin Jahnke (Autor/SO36).

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Die Stadt

Die Stadt ist bei allen außerordentlich beliebt. Die Leute rennen herbei und rufen: „Hach, was für eine herrliche Stadt!“ Sie bescheinigen ihr eine beeindruckende, eine sagenhafte Metropole zu sein. Tägliche Touristenströme beziffern die weitreichende Bedeutung und die Bewohner bekunden in Gesten ihren Stolz, sprechen von kaum anderem. Was heißt „Bewohner“! Diese Stadt wird nicht bewohnt, sie wird belebt, bespielt! Es ist ja nicht irgendeine Stadt. Für alle ist es ja die Stadt. „Es ist die Stadt“, diese un****verständliche Benotung qua Betonung kann man so häufig hören, so vehement, mit einem „die“, als hätte der Gesprächspartner zuvor versehentlich einen falschen Artikel benutzt, als hätte er versehentlich behauptet, es sei der Stadt – nein, nein, es ist die Stadt, dessen müssen sich alle sicher sein! Sie ist jene Stadt, in der man Freiheit noch leben darf, Insel der Weltoffenheit, Paradies der Möglichkeiten und ein Eldorado. Mit gemütlichen Ecken und Arrangements für aufregende Momente. Stadt, in der man seinen Traum leben oder sein Leben erträumen oder beides oder eine Postkarte mit diesem Bonmot erwerben kann. Eine große, großartige, großzügige, grandiose Stadt. Eine geschichtsträchtige Stadt mit sehensreichen Zahlungswürdigkeiten und prächtigen Bauten sowie eine politische Stadt mit honorigen Entscheidungsträgern mit dicken Eiern an jeder zweiten Straßenecke sowie eine hedonistische Stadt mit Ausschweifungen aller Güte sowie eine kulinarische Hochburg sowie eine Subhochkulturstätte, das haben Sie noch nicht gesehen! Eine Wahnsinns-City, die Wahnsinns-City –

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Robin Jahnke bei der Präsentation des Romans „Die Schraube“ in der Akademie der Künste.

Foto: Marco Urban

Eine winzige Schraube fiel Johannes Knirsch am frühen Morgen des 28. Februar aus der Nase, direkt auf sein mit Butter bestrichenes Frühstücksbrötchen. Er saß zunächst regungslos am Küchentisch und starrte die Schraube verständnislos an, als rechnete er damit, dass sie im nächsten Moment losfliegen würde. Die silbern glänzende Kreuzschlitzschraube maß höchstens zwei Millimeter und zeigte ein fein geschliffenes, kaum erkennbares Gewinde. Sie rührte sich nicht. Sie lag lasziv auf ihrem Bett aus Butter und funkelte im Licht der Morgensonne, als hätte nicht er sie, sondern sie dort etwas verloren, als wäre das in irgendeiner Ordnung. Die farbstoffrote Himbeermarmelade oder Erdbeerkonfitüre rutschte vom Messer und tropfte auf das gelbe Tischtuch. Hans beschlich ein ernstes Gefühl der Sorge. Er betastete seine Nase, zog etwas an ihr. Er drückte auf die Nasenspitze, fuhr mit dem Finger das Nasenbein entlang und kontrollierte die Nasenflügel. An der Nase selbst schien nichts ungewöhnlich zu sein.


Der Roman ‚Die Schraube‘ ist im November 2016 beim frisch gegründeten Álamos-Verlag auf deutsch und spanisch erschienen. Die von Schauspieler und Synchronsprecher Christian Gaul gelesene Hörbuchfassung ist bislang nur auf deutsch erhältlich.

Die Schraube

Es sind unerklärliche Zwischenfälle und heikle Angelegenheiten: Was hat eine Schraube in der Nase von Hans Knirsch zu suchen? Wie soll Dorothea Schlüter im Angesicht brennender Stachelschweine ihren Weg finden? Und was passiert mit der strengen Helena, als sie im Badeanzug im Schnee sitzend, das tote Rehkitz streichelt? Die skurrilen Begegnungen und absurden Situationen, in denen die Protagonisten auf ihrem jeweiligen Road-Trip einer Welt begegnen, die realer nicht sein kann, entwerfen ein Bild zeitgenössischer Befindlichkeiten und Umklammerungen. Als sie sich begegnen, ist ihr Scheitern so intim wie kläglich. Doch es entsteht die Ahnung einer Möglichkeit sich zu lösen, wenn man Stereotype und die Umständlichkeit der Umstände in Frage stellt – und an sie glaubt.
(FOTO: Andreas Süß)

Gebundene Ausgabe: 148 Seiten
Verlag: Álamos Verlag; Auflage: Originalausgabe (2016)
ISBN-10: 300050480X
ISBN-13: 978-3000504808


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Zum Heulen

Es gibt so umwerfend gute Kinderliteratur, wie zum Beispiel „Die drei Räuber“ von Tomi Ungerer, die auch noch grandios von Hayo Freitag auf Film übersetzt wurden. Und es gibt so umwerfend schlechte Kinderliteratur, wie „Conni backt Pizza“ oder „Conni macht ihre Steuererklärung“ und solches Zeug. Die Spanne ist weit.

Bei Literatur über Kinder sieht es erstaunlicher Weise ganz anders aus, diese Spanne ist eng, die Literatur grundsätzlich engstirnig, die gesamte Sparte von hochgradigem Schwachsinn gekennzeichnet. Und es ist doch ein Schlüssel für die Verfassung der Gesellschaft. Es handelt sich hier um Bücher, in denen Vollidioten Vollidioten erklären, wie sie zukünftiges Vollidiotentum gewährleisten können. Eine antiemanzipatorische, verkappt autoritäre Programmierung, die sich geschickt eingräbt, obwohl so ungeschickt, da scheint es an ein Wunder zu grenzen, dass es Menschen überhaupt noch gibt, wenn die so etwas lesen. Das Glück dieser Erde liegt bestimmt auf dem Rücken der Pferde, denn sicherlich nicht in den Kinderzimmern dieser Welt, liegt denen eine zugrunde, wie sie in diesen Büchern zu finden ist. Diese schamlosen Ansammlungen von Pseudo-Tipps, die auf ein verklemmtes Korsett von Lebenswahnvorstellungen rückschließen lassen, sind so schlicht und umfassend durchdrungen von hemmungsloser Finsternis.

Verhalten Sie sich nachts ruhig, sprechen sie möglichst wenig.

Mal angenommen, man würde nachts nicht schlafen, sondern sehr viel sprechen. Dem Baby wäre das so dermaßen egal. Ungefähr so egal wie die Lautstärke, die es in etlichen Cafes oder gar auf Parties umgibt, wenn es mitten im Trubel seelenruhig schläft. Dieser Ratschlag ist nicht nur blödsinnig, sondern auch noch gehässig, denn er zielt darauf ab, dass unerfahrene, sowieso in ihrer Freiheit eingeschränkte Eltern abends, wenn das Baby endlich Ruhe gibt, nur noch verängstigt durch die Wohnung schleichen. Ein Rat aus „Die ersten Wochen mit dem Baby“ aus der bedrohlich klingenden Reihe „Mit Kindern Leben“ (auf der Vorderseite des Buches tatsächlich der Hinweis „Schneller Zugriff mit System“. Auf einem Buch, herrgottnochmal, es hat ein Inhaltsverzeichnis). Falls die Frage auf dem Cover „Wann hört das Schreien auf?“ an den Leser gerichtet ist – erst nach der Lektüre.

Oder aber ein PEKiP-Buch, welches stinknormale, natürliche und vor allem automatische Bewegungsabläufe wie das Hochheben des Babys als entwicklungsfördernde PEKiP-Übung anpreist. Bücher mit „einfühlsamen Rat“ und/oder Service-Teil. Und dann kommen Mahrenholtz und Parisi vorbei und knallen einem ein Buch in so ekelerregender Aufmachung vor den schon längst vollgekotzten Latz, sexistische Kackscheiße mit „Hot-Spots“ und „Dos“, wie zum Beispiel „Nochmal zum Friseur“ oder „Für Männer: Mindestens einmal am Tag sagen, dass sie toll aussieht“, wenn sie aussieht wie Ismaels schwimmender Kontrahent. Einfach bescheuert, „Oje, ich wachse!“ von Hetty van de Rijt und Frans Plooij, die sich an imaginierten Sprüngen abarbeiten, den elementarsten Sprung aber selber haben. Der schwachsinnige Titel ist hervorragend gewählt, beschreibt er den infantilen und überflüssigen Inhalt des Buches exakt. Man kann Fotos einkleben und Sachen eintragen, als wäre das Buch gar nicht an Erwachsene gerichtet. Es gibt in diesem Buch unter anderem den Hinweis, dass das Kind mit knapp 15 Monaten von Bällen, Bilderbüchern oder der Sandkiste fasziniert ist. WTF!

Es ist gräßlich, diese Bücher in den Händen gehalten zu haben. Der Ratschlag, sich grundsätzlich von derartiger Literatur fernzuhalten, wäre sicherlich vertretbar. Pädagogik ähnelt per se den Wirtschaftswissenschaften wie diese der Esoterik. In Sprache und Inhalt intellektuell auf dem Horizont ihres Besprechungs-Gegenstandes sind diese Bücher eben aber auch Hinweis, was für Leute durch die Straßen rennen, eventuell Tür an Tür mit einem wohnen. Das ist äußerst beunruhigend. Die viel gerühmte intuitive Erziehung ist vielleicht auch nicht unbedingt die Beste, solange die Intuition des Erziehenden selbst über einen langen Zeitraum von autoritären Mustern geprägt wurde. Die vermeintlich liebevollen, gutgemeinten Ratgeber sind allerdings modernisierte Flankierungen bösartiger Erziehungs-Bibeln, die vielleicht in ihren Methoden, nicht aber in ihrer Intention einem Wandel unterlagen. Zugegeben, so beeindruckende Stellen, wie Alice Miller ausgegraben hat –

Dann prügelt ihn, dann lasst ihn schrein: Nein, nein, Papa, nein nein! Denn ein solcher Ungehorsam ist ebensogut, als eine Kriegserklärung gegen eure Person. Euer Sohn will euch die Herrschaft rauben, und ihr seid befugt, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben […](zit. nach: Alice Miller: Am Anfang war Erziehung, FaM 1980, S. 28f)

findet man in der zeitgenössischen Literatur wohl nicht. Die Schwachsinnigkeit, die einem aus den Büchern entgegenstürzt ist aber auch kaum besser und ein Hinweis auf den geistigen Zustand der Autoren, auf die zugrundeliegende, respektlose Annahme, den Leser als wirres und verantwortungsloses Individuum ansprechen zu können, welches anscheinend in der Lage ist zu lesen, aber nicht mehr. Eine Ansprache die kaputt ist und macht. Die von den etlichen Ratgebern geschädigten Helicopter-Eltern versauen sich ihr Leben wie ihre Kinder und vermitteln an diese ihre Störung weiter, bis der Kreis sich schließt. Das ist zum Heulen.

Comic-Salon Erlangen

Felix Pestemers viel gepriesenes Debüt „Der Staub der Ahnen“ haben die Salon-Besucher vielleicht noch von der Ausstellung vor zwei Jahren vor den Augen. Beim avant-Lesemarathon vertont er verbal den Peyote-Trip am Ende des Buches, um dann mit seinem Co-Autor Robin Jahnke sein Projekt „Hertha Hindenburg – Too Big to Fail“ anzuteasen.

schnur

Ich bräuchte eine Schnur! Die mich richtet, die

den Zweifel mir vernichtet. Die verdichtet was mir scheint. Mir berichtigt was berichtet, was gemeint.

Ich bräuchte eine Klinge! Die mir kappt, was ständig einfach überlappt, was mir den eingeschnappten Blick verstellt. Die zielgenau 

in den Kern der Sache fällt.

Weil mir sonst der Hals verrenkt, weil sich der Sinn dauernd verfängt. Und ich ihm auf der Spur gar abgelenkt vom Weg der Wahrheit abgedrängt.

Was glaub ich nur! Was glaub ich nur, ich bräuchte eine Schnur.

Kritik des Irgendwie-Sagenden

Dieser Herr sagte ständig „irgendwie“. Irgendwann sagte er, er sei dann „irgendwie“ vom Weg abgekommen. Ja, wie denn? Geirrt? Oder gestolpert? Wie er durch seine eigenen Sätze stolpert? Aber sein Wort „irgendwie“ sagt doch nicht, der Umstand sei irrelevant, es sagt, was er sagt sei in Gänze irrelevant. „Irgendwie“ erfüllt die Funktion Unbestimmtheit auszudrücken. Wer, wie der Herr, denn so einer war er, das erkannte ich an seinem Hut, nicht vom Inhalt seiner Rede überzeugt ist, benutzt dieses Wort. Aber auch, wer vom Inhalt seiner Rede überzeugt ist und nicht in der Lage, diesen Inhalt sprachlich treffend abzubilden. Weil sein Hirn leiert und ihm das Wort eine nötige Pause verschaffen muss. Mit der Eingebung des Irgendwie-Sagenden, dass der Inhalt seiner Rede nicht wirklich wert ist gesprochen zu werden, liegt der Betreffende vollkommen richtig, und diese Ahnung ist es, die ihn straucheln lässt. Wie schon selbst Nena feststellte, sind diese Irgendwie-Menschen verloren in Raum und Zeit. Vom Weg abgekommen. Ihr Irrtum ist es, es doch zu versuchen, trotz ihrer Erkenntnis das Wort zu ergreifen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man immer wenn man „irgendwie“ vernimmt, seinem Gegenüber mitteilen sollte, dass er bitte die Klappe halten soll, da er nichts zu sagen hat oder nicht in der Lage dazu ist. Das tat ich.

(Ich erinnere mich noch gut an „iwie“. Dieses Portal „GuteFrage.net“ hatte mich dermaßen beeindruckt. Ein m( -Forum, welches auf den naiven Glauben rekurriert, dass das Internet alle Fragen beantworten kann oder sollte. Vermutlich viele Schüler dort, einsame Hausfrauen, hysterische Männer, was alles das Gleiche ist. Hauptsache sie beherrschen ihre Kenntnisse in Syntax und Orthografie.

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Wieso hasse ich meine Freundin ?

Ein knapper, fast stenographischer Stil bemüht, aus Faulheit oder um Zeit zu sparen. Unnötige Füllwörter fallen weg, Sätze auf Notwendigste reduziert. Da gibt es Unmengen an nachvollziehbaren Abkürzungen in diesen Zirkeln, wie zum Beispiel asap oder OMG. Doch das „iwie“ war mir bisher fremd. Anstatt sich endlich des überflüssigen Adverbs einfach zu entledigen wird es abgekürzt. WTF! Der Zusammenhang liegt auf der Hand: „iwie“ ist quasi das zentrale Wort im Netzjargon, da es im digitalen Zusammentreffen in erster Linie darum geht unhaltbare, behauptete, redundante und ungelenke Statements zu äußern. Es geht darum, Fragen zu stellen, deren Antworten verhallen, Meinungen zu meinen, die man eventuell nur vielleicht und irgendwie meint oder zumindest nur mal kurz und Antworten zu geben wie:

wer es unbedingt haben muss, kann das ja zu hause im garten machen, aber mir grauldet schon vor dem sommer, die ganzen ekligen nakischen füß in den sandalen und schlappen (brrrrrrrrr)

Das graudelt mir irgendwie auch.)

Und dabei geht es ja eineswegs um ein sprachliches Problem. Sprachhygieniker! Ach! Das sind Menschen, die etwas nicht auch nur im Ansatz verstanden haben. Nein, es handelt sich bei „irgendwie“ um ein inhaltliches Problem, da das kleine Wort eine Art und Weise angibt, die nicht bekannt ist und angeblich keine Rolle spielt. Dabei ist äußerst selten der Art und der Weise eine Rolle abzusprechen. Niemand würde es wagen „irgendwarum“ zu sagen und so dem Grund und der Ursache eine Rolle absprechen. Es gibt berechtigte „irgendwies“, wenn beispielsweise jmd sagt: Stopf dir einfach irgendwie die Ohren zu, damit du mich nicht mehr hören musst. In einem solchen Fall wäre die Art und Weise tatsächlich vollkommen egal, ob Teer, Tampons oder Kerzenwachs, Hauptsache es ist still. Doch das sind die Tampons, die die Regel bestätigen. Bei den meisten Angelegenheiten wäre es nur irgendso eine Rezeption, wenn die Art und Weise nicht bekannt. Der Herr jedenfalls nahm seinen Hut. Ich hatte ihn […] beleidigt. Soweit kommt es. Auch das noch.


das unvermögen der kunst als ihr vorsprung.

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